Donnerstag, 25. April 2013

Mein Großvater in Ehren

Das eigentlich erschreckende an dieser Geschichte ist nicht, wer oder was mein Großvater jahrelang war, sondern dass ich lange, lange Zeit nichts davon wusste und eigentlich nie viel über ihn erfahren habe.
Mein Großvater starb an Krebs, ich war noch nicht geboren und kannte somit nichts an ihm, dass ich großartig vermissen könnte- und doch sitzt da irgendwo ein Schmerz in mir, ein Verlust, der auch auf uns Enkel übergegangen ist, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass Großvater trotz seiner Vergangenheit ein großartiger Mensch war. Manchmal bin ich traurig darüber, dass wir ihn nie kennenlernen durften, denn er hätte uns viele große Geschichten erzählen können, über seine Zeit in der Hitlerjugend und seine Zeit als Soldat- Stalingrad, der russische Winter, Kriegsgefangenschaft.
Ja- so erschreckend das auch klingen mag: mein Großvater war ein überzeugter Nazi, und hat jahrelang für Adolf Hitler im Krieg gekämpft. Wobei ich mir manchmal die Frage stelle, ob er gegen Ende noch wirklich überzeugt für den Führer gekämpft hat und nicht schon längst durchschaut, dass ein Sieg vollkommen unrealistisch war.
Unsere Generationen, beziehungsweise unser Stammbaum sind ein bisschen weiter auseinander gezogen, als die meisten meines Jahrgangs. Mein Großvater war 41, als er meine Mutter bekam, meine Mutter war 33, als sie mich bekam und mein Urgroßvater wurde im Jahre 1892 geboren. Also war mein Großvater in der Kriegsgeneration, in der junge Soldaten in den zweiten Weltkrieg geschickt wurden.
Ein bisschen was zu seinem Hintergrund: Wilhelm Karl Geck war der Sohn eines Pfarrerehepaars und absolvierte mit 17 Jahren sein Abitur im Pretinium in Recklinghausen. Wie so ziemlich jeder Jugendliche seiner Zeit trat er in die Hitlerjugend ein und übernahm dort einen Führungsposten. Meine Mutter erzählte mir, dass er ziemlich überzeugt von den Weltanschauungen Hitlers und seinen Idealen gewesen sein muss, aber wer kann ihm das verübeln? Damals dachten die jungen Menschen nicht unbedingt im "Bösen Sinne", sondern sahen den Nazionalsozialismus und die neuen Möglichkeiten, die die NSDAP bot, als eine Chance für ihre Zukunft, ihre Kinder und sich selbst. Mein Großvater war nicht anders als andere Jungen seines Alters: er suchte seinen Platz in der Welt und sehnte sich vermutlich genauso sehr nach Dazugehörigkeit, wie alle anderen. Und das war etwas, was die Hitlerjugend ohne Zweifel bot: Zusammenhalt, Freundschaften, der Reiz der 8 Schwertworte lockte jedermann in die HJ oder in den Bund deutscher Mädel. Für sie war es eine neue Zukunft, eine neue Welt, sie sahen nichts schlechtes in Hitlers Pläne für die Jugend und die Arbeiterwelt.
Ich versuche zu verstehen, was meinen Großvater damals so mitgerissen, ihn in einen undurchbrechlichen Bann gezogen hat und in gewisser Weise tue ich es. Ich denke nicht, dass er ein schlechter Mensch war, nur weil er zeitweise ein Nazi war, denn er lernte aus den Fehlern der Vergangenheit und die Bilder der Schlachten und Gräuel, die er erlebte, prägten ihn für immer.
Er wurde sehr bald nach seinem Schulabschluss in den militärischen Dienst einberufen. Ich weiß nicht sehr viele Details, dazu müsste ich meine Grandma fragen, die ihn übrigens kennenlernte, als er in amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Colorado war.
Aber die wesentlichen Dinge sind mir bekannt: mein Großvater erlebte den russischen Winter, war an der Schlacht von Stalingrad beteiligt, bis er verwundet und nach Frankreich versetzt wurde, woraufhin er zuerst in britische und dann (vermutlich zu seinem Glück) in amerikanische Gefangenschaft geriet.
Ein Erlebnis seiner Zeit als Soldat hat sich jedoch sehr tief in mein Gedächtnis eingeprägt. Hitler ließ sich irgendwann dazu herab, die Armeen an der Ostfront aufzusuchen und seine berüchtigten Reden zu schwingen, die den Soldaten noch einmal sehr deutlich einprägen sollte, für was sie kämpfen und vorallem: für wen. Bevor Hitler zu sprechen begann, war mein Großvater fest davon überzeugt, dass es für den Krieg nicht mehr viel Hoffnung gebe. Ich weiß nicht, zu welcher Zeit genau Hitler zu ihnen sprach, aber es muss wohl relativ gegen nahendem Ende gewesen sein, denn den meisten Soldaten war klar, dass Deutschland eigentlich keine Chancen mehr hatte, den Krieg zu gewinnen. So zumindest muss er es geschildert haben. Als dann jedoch Adolf Hitler zu den vielen jungen und alten Soldaten sprach, war er wie gebannt von seiner Stimme und in diesem Moment glaubte er jedes seiner Worte, als wäre Deutschland nicht schon längst in eine ausweglose Lage geraten. Und als sich die jungen Männer dann später unterhielten, fiel der Schleier dieser unsagbaren Manipulation Hitlers wieder von ihm ab- und er fragte sich, was Hitler eigentlich mit dieser erneuten Rede bezwecken wollte- die Lage verändern?
Zu dieser Zeit war mein Großvater längst kein überzeugter Nazi mehr- zu schlimmes hatte er erlebt, zu viel Wahrheit hatte er gesehen und zu viel Vergangenheit lastete auf seinen Schultern.
Aber eines war ihm nie klar gewesen und auch sonst den wenigsten Deutschen, die nicht unmittelbar in Hitlers Pläne eingeweiht waren: die Vernichtungs- und Konzentrationslager blieben lange Zeit unkenntlich- keiner wusste von den massiven Juden- und Gefangenenermordungen, dies alles wurde streng geheim gehalten und das Volk schwelgte lange in der Illusion, Hitler wolle den Juden ein eigenes Land errichten.

Ich denke, mein Großvater hat unheimlich viel erlebt, viel Schlimmes und viel lernenswertes.
Wie schon gesagt- ich glaube, trotz seiner Vergangenheit muss er ein großer Mann gewesen sein, vom Hitlerjugendgefolgsjunge zum Soldat, vom Soldat zum Offizier und vom Offizier zu einem liebenden Vater.
Ich hätte ihn sehr gerne kennengelernt, meinen Großvater. Ich hoffe, dass er irgendwo da ob wohl behütet ist und mit stolz auf seine Nachfahren hinabschaut. Vielleicht sehe ich ihn irgendwann einmal wieder.


Wie geht es euch damit? Gab es in eurer Familie Vorfahren, die im Krieg gekämpft und Geschichten und Erlebnisse hinterlassen haben?
Erzählt mir davon! Es ist ein sehr spannendes Thema.
xxx, Jojoo

Kommentare:

  1. Das war wirklich ein sehr interessanter Post! Ich finde es toll, dass du so etwas mit und teilst, denn mich bewegen solche Schicksale immer und immer wieder. Schon immer interessiere ich mich für die Zeit des 2. Weltkrieges, bzw. die "Hitler-Zeit". Momentan haben wir das Thema auch in der Schule in Geschichte (das einzige Thema, das mich in Geschichte interessiert).
    Ich kenne von mir keine Vorfahren, die im Krieg gekämpft haben oder irgendwie darin verwickelt waren.

    Hab dich lieb <3

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  2. Wow!
    Dieser Post berührt. :) Mich interessiert Antisemitismus auch sehr, gerade deswegen finde ich diesen Post wahnsinnig interessant. Übrigens:
    Du wurdest getaggt! :D
    Weitere Infos gibt's hier:
    http://dreamfull-girl.blogspot.de/p/tags-und-aktionen.html
    Ich würde mich freuen, wenn du mitmachst! :)

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