Dienstag, 3. Dezember 2013

Liebe und Fastfood


"Wo willst du hin?", schreit sie ihm hinterher. 



"Ich habe Hunger.", sagt er und lässt sie im Regen
stehen. 



So fängt sie an, die Geschichte von Eddi und Norra. Oder sollte

ich sagen, so endet sie? 


Es ist wohl beides. 


Ein Anfang hinsichtlich der Tatsache, dass ich die Geschichte von
Eddi und Norra mit diesem Monolog einleite. Und ein Ende hinsichtlich
der Tatsache, dass die Geschichte von Eddi und Norra so endet. Das
ist nicht allzu kompliziert, oder? 



Lassen wir uns einen etwas genaueren Blick auf den angedeuteten
Monolog werfen, der mit der letzten Erwiderung Eddis ja eigentlich
endet. 





Sie küsst ihn wild und stürmisch, sie ist wie ein Pferd, wiehert

ein bisschen vor Leidenschaft und sabbert, weil ihr Maul so weit
aufgesperrt ist. Er erwidert ihren Kuss nicht direkt, aber bleibt
auch nicht tatenlos. Dazu hatte er schon zu lange keinen Sex mehr.
Eigentlich hätte er richtig viel Lust, ihr die Bluse vom Leib zu
reißen und sie zu nehmen, hier und jetzt. Aber eigentlich auch
nicht. Sie wiehert noch ein bisschen und sabbert ihm aufs Hemd, bis
sie merkt, dass etwas nicht stimmt. 


"Alles in Ordnung, Eddi?"

Er schiebt ihr sabberndes Gesicht von sich. 


"Ja. Ja doch.", wiederholt er nachdrüklich, als sie
einen Schmollmund zieht. Ihre Lippen sind dick mit Lippenstift
angemalt. Eine rote, aufdringliche Farbe, die jetzt vermutlich
überall in Eddis Gesicht klebt. Er hasst Lippenstift, aber noch mehr
hasst er die Tatsache, dass er ihn immer im Gesicht hat. IMMER, wenn
er Norra auch nur berührt! 


"Mein Gott, wisch dir doch mal die Lippen sauber!",
murmelt er in seinen nicht vorhandenen Bart. Manchmal denkt er, er
sollte sich vielleicht einen zulegen, aber dann verwirft er den
Gedanken. Bärte sind ebenso unnötig und platzeinnehmend wie rote
Lippen, Schmollmünder und Norras. 


Sie pustet ihm ins Gesicht. "Sei doch nicht so maulig.",
schnurrt sie und beißt sich auf die Lippen. Er versteht noch immer
nicht, wieso sie das immer machen, die Frauen. 



Weil wir uns unsicher sind, Eddi. Wir wollen nicht nur

aufreizend wirken, das auch, aber: wir sind uns unsicher, was wir tun
sollen. Sollen wir jetzt lächeln? Oder am Fingernagel knabbern? Auf-
die- vollen- Lippen- beißen, damit kann man ja wohl nichts falsch
machen. 



"Sei du doch nicht so ...",

würde er gern sagen, aber dann fällt ihm leider nicht mehr das
passende Wort ein. Nervig? Überflüssig? Anwesend? Nichts
davon fasst ausreichend zusammen, wie er für sie empfindet. Er will
ihren Körper, aber er will nicht, dass sie da ist. Dass sie
existiert, er ist der Meinung, sie sei das überflüssigste,
abscheulichste Wesen überhaupt. 


"Ach, Eddi ...", murmelt sie
und schmieg sich an ihn. Manchmal denkt er, dass sie wohl eine
Behinderung haben könnte. Eigentlich hat er nichts gegen Behinderte,
aber Norra bildet eine große, lückenhafte Ausnahme. Das tut sie
sowieso in seiner ganzen Welt aus Prinzipien und Ansichten. 


"Scher dich zum Teufel.",knurrt er und stößt sie ein wenig von sich. 


"Was?" Erschrocken und aus riesigen, graubraunen Kulleraugen starrt sie ihn an.Graubraun. 

Gibt es diese Farbe überhaupt? 



Nicht rational gesehen, Eddi. Aber

in deinen Gedanken schon, weil du ja irgendeine Farbe brauchst, die
nicht schön klingt, um Norras Augenfarbe zu beschreiben. Sie sollen
für den Leser nicht hübsch wirken, ihre Augen. 



"Nun stell dich nicht so dumm.

Lass mich in Frieden." 



Ihm ist gerade eingefallen, dass daheim
noch eine saftige Holzofenpizza auf ihn wartet. Mit Ei, Schinken und
Salamit. Seine Lieblingspizza. Das Wasser läuft ihm augenblicklich
im Mund zusammen. Er wird es sich wohl daheim gemütlich machen, mit
der Pizza, einer schönen Episode Star Trek und nacher vielleicht
ein, zwei netten Filmchen mit denen er sein Verlangen stillen kann. 

"Wie meinst du das?"

Eddi dreht durch. In seinem Gehirn reißen sämtliche Sicherungen durch. Sein Magen knurrt und er tut es jetzt auch. Der Wahnsinn sprüht aus seinen Augen. 


"Bist- du- taub? Ver- schwin- de!!", brüllt er und rauft sich aufgebracht die Haare. Manchmal
denkt er, dass vielleicht auch er eine Behinderung haben könnte.
Irgendeine seltsame Form von Authismus. Er war noch nie beim Arzt,deshalb weiß er nichts darüber. 


Aber das ist ihm jetzt gleich, denn in seinem Kopf hat er sich bloß noch ein Ziel festgesetztNorra loswerden. 


Ekliges Ding. Ein bisschen pummlig ist sie, sie hat große Brüste, volle Lippen und große Augen. Und blonde, lockige Haare, aber soweit er weiß, sind sie gefärbt. 



Er hasst sie, das wird ihm nun bewusst.
Wieso hat er sich überhaupt mit ihr abgegeben? 



Vermutlich, weil er sonst keine abbekommmt. 



Ach, verflucht noch eins. Eddi denkt an
die Pizza und erneut läuft im der Speichel im Mund zusammen.


Nicht immer so viel fluchen, Eddi. Das kommt nicht so gut an. 



Er wimmelt ihre grabschigen Hände noch

einmal ab, dann wendet er sich ab und geht davon. 



"Wo willst du hin?", schreit
sie ihm hinterher. 



"Ich bin hungrig.", sagt er
und lässt sie im Regen stehen. 


















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